Hamburger Abendblatt

Rotkäppchen, die Artenschützerin 22.Mai 2010

(…) In der flotten Märchenumdichtung von Markus Koch, die jetzt am Pfingstsonntag wieder im Opernloft zu erleben ist, kann der Wolf noch so garstig umherspringen und mit seinen behaarten Tatzen in der Luft herumkratzen. Erschrecken kann er niemanden mehr, und sein Scharfsinn und seine Tücke sind ihm auf dem Weg in die Neuzeit auch gänzlich abhanden gekommen. Gewonnen hat er dafür eine Riesenportion Charme.
Ein Schlückchen laktosefreie Milch, und der Wolf ist Rotkäppchens Freund
Frank Valet spielt und singt in diesem Opernpasticcio den Wolf, Knut Wolf. Der kann sich totärgern, dass bei seinem Namen alle immer an einen Eisbären denken. Rotkäppchen (Verena Schuster), eine coole Adelstochter in der Spätpubertät, durchstreift auf dem Weg zur Großmutter den mütterlichen Wald und macht sich den misstrauischen Wolf mit einem Schlückchen laktosefreier Milch zum Freund. Den einfältigen Jäger mit den roten Herzchenflicken auf dem Hosenboden kriegt sie auch leicht unter Kontrolle.
Und ihre Großmutter (Yuliya Tabankova) entpuppt sich als etwas draculös agierende Tierärztin, die schon Großvater Wolf nach einer zweifelhaften Wurmkur auf dem Gewissen hat und gern in entrückten Koloraturen vor sich hinkichert. Dass sie nicht mehr alle Tassen im Schrank hat, sieht man auch daran, dass aus der schräg stehenden Anrichte hinter ihr dauernd Sachen verschwinden
Aus dem Munde der Damen und dem Wolfsrachen tönt es umso schöner
Im Laufe der turbulenten, von Natascha Ursuliak inszenierten Geschichte erklingen zu Makiko Eguchis Klavierbegleitung hübsch gesungene Lieder und Arien von Händel über Mozart und Verdi bis zu Johann Strauß. Björn Tegeler als Jäger gebricht es an stimmlicher Durchschlagskraft, dafür tönt es aus dem Munde der beiden Damen und dem Wolfsrachen umso schöner. (…)

Tom R. Schulz