Pronto, 15.03.2013

Mädchen im Mittelpunkt

Frau Ursuliak, Sie bringen eine Oper mit achtzig Kindern und Jugendlichen auf die Bühne. Auch für eine erfahrene Regisseurin eine echte Herausforderung? Ja, anders als mit Profis kann ich nicht einfach mit meinen Vorstellungen kommen und sie umsetzen. Ich muss meine Ideen an die Kinder und Jugendlichen anpassen können und schauen, was aus ihnen herauszuholen ist. Ein wichtiger Prozess bei solch einer Oper für junge Leute ist, dass es mir gelingen muss, alle zu einer Gruppe zusammenzufügen, die sich dann als echtes Team fühlt. Wie haben Sie das für Karl Jenkins’ Kinderoper «Eloise» erreicht? Der eigentlichen Probenarbeit gingen zwei Wochenenden voraus, an denen es genau um diese Teambildung ging. Ich erreiche das mit Spielen, die das gegenseitige Vertrauen stärken, mit Improvisationsübungen, aber auch mit Übungen, in denen die Mitspielenden ihre eigene Rolle spüren. Heute ist in St.Gallen Premiere und Schweizer Erstaufführung von «Eloise». Was haben die Kinder von der Arbeit profitiert? Theaterspielen, Singen, Musizieren, auf der Bühne stehen: Da lernen junge Menschen auf eine ganz neue, kreative Weise als Gemeinschaft zu funktionieren. Sie erleben eine ungewohnte Art der Konzentration und das Erlebnis, aus sich herausgehen zu können. Ich bin sehr zufrieden: Alle haben schnell gelernt und sind zu einem tollen Team von Menschen zwischen 7und 19 Jahren zusammengewachsen. Mit Kindern zu arbeiten ist etwas Besonderes. Sie verstehen manchmal vielmehr als wir Erwachsene und sind oft auch recht selbstkritisch. Jenkins’ Kinderoper «Eloise» basiert auf einem Märchen von Hans Christian Andersen. Was ist besonders an dem Stoff? Es ist endlich einmal ein Märchen, bei dem ein Mädchen im Mittelpunkt steht und die Heldin ist, die ihre Brüder rettet. Ja, Eloise ist eine Heldin, schlicht weil sie als Frau geboren wurde. Also eine ganz andere Rollenverteilung wie in den meisten anderen Märchen. Warum brauchen wir Märchen auf der Bühne? Märchen bringen die Geschichten des Lebens auf eine sanfte Weise an uns heran. Auch in «Eloise» lernen wir über das Märchen eine feine, phantasievolle Art kennen, mit Konflikten umzugehen. Märchenerzähler Andersen zeigt hier nicht einfach Schwarz und Weiss oder ein klar definiertes Gut und Böse. Es gibt viele Zwischentöne, keine eindeutigen Zuordnungen. Welche Musik hat Komponist Karl Jenkins für diesen Stoff gefunden? Es gibt viele Musical-Elemente, Jazziges, aber auch Kinderlied- Elemente. Insgesamt ist es anspruchsvolle, manchmal melancholische Musik, die in sehr nachvollziehbarer Abfolge dem Märchen nachgespürt und es vertont hat.

Interview:Martin Preisser