Süddeutsche Zeitung, 10.07.2015

Auf die Bühne und weiter

Hundert Stipendiaten der Roland-Berger-Stiftung zeigen gemeinsam mit der Bayerischen Staatsoper ihr Kinderopernprojekt „Eloise“

„Nur der Himmel ist die Grenze“ – diese Botschaft will Roland Berger Mädchen und Jungen mit auf den Weg geben, die im Leben alles andere als paradiesische Startbedingungen haben. Seit 2008 förderte er deshalb mit seiner gleichnamigen Stiftung bereits 800 junge Leute mit dem Deutschen Schülerstipendium. Zu dessen Programmgehört nicht nur die Vermittlung von Wissen auf dem Ausbildungsweg der Jugendlichen – der idealerweise bis zum Abitur führt– sondern auch die Unterstützung der Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Dies geschieht durch künstlerische Großprojekte wie etwa die Aufführung von Karl Jenkins’ Kinderoper „Eloise“ in Kooperation mit der Bayerischen Staatsoper und dem Gasteig. 100 Schülerstipendiaten aus München, Baden-Württemberg und Rheinland Pfalz erarbeiteten dafür über eineinhalb Jahre in den Ferien eine Inszenierung, die nun im Carl-Orff-Saal Premiere feiert. Keiner der Darsteller im Alter von zehn bis zwanzig Jahren hatte eine musikalische oder tänzerische Vorbildung – doch jetzt, auf der Bühne, singen, tanzen und schauspielern sie alle. „Bei unserem ersten Treffen musste jeder ein Lied vortragen – da bekam ich mitunter auch ,Alle meine Entchen‘ zu hören“, erzählt Regisseurin Natascha Ursuliak während der Hauptprobe. Trotzdem stellte sich dabei schnell heraus, „in wem eine kleine Rampensau steckt und wer sich lieber in eine Gruppe einfügt“, sagt die Regisseurin, die bereits mehrere Kinderproduktionen für die Bayerische Staatsoper inszeniert hat. „,Eloise‘ kannte ich schon aus meiner Regiearbeit fürs Theater in St. Gallen. Das Stück eignet sich sehr gut als Großprojekt, weil es gleich 15 Hauptrollen besitzt“, erklärt Natascha Ursuliak. Da jede Rolle doppelt besetzt werde, ergebe das gleich für 30 Mitwirkende die Chance auf einen großen Bühnenauftritt. Übers Körperbewusstsein zu einem neuen Selbstbewusstsein Jenkins’ Oper liegt das Märchen „Die wilden Schwäne“ von Hans Christian Andersen zugrunde: Eine Königin, Mutter von sieben Söhnen, wünscht sich so sehnlich eine Tochter, dass sie leichtfertig einen Pakt mit einer Zauberin schließt: Wenn sie endlich eine Tochter bekäme, so verspricht sie der Zauberin, wolle sie ihr dafür ihre Söhne geben. Als die Taufe der kleinen Eloise gefeiert wird, hat die Königin diese Abmachung längst vergessen. Anders die Zauberin Volhek: Die erscheint plötzlich bei der Feier, um ihre Drohung wahr zu machen. Mithilfe einer ganzen Schar listiger und witziger Nannys, ihrem Hexenvolk, entführt sie die Prinzen vor den Augen der ohnmächtigen Hofgesellschaft. Freilich werden die „Hexen- Nannys“ Eloise später auch behilflich sein, ihre Brüder zu befreien . . . Um das Stück altersgerecht aufzuarbeiten und den jungen Darstellern auch im Bezug auf die Kostüme etwas Ansprechendes zu bieten, wählte Natascha Ursuliak einen „rockigeren Ansatz“ und verlegte die Handlung in die Fünfzigerjahre – „eine spannende, bunte und peppige Zeit“. So ist es eine à la Doris Day gekleidete und frisierte Dame, die in der Eröffnungsszene auf die grüne Hausfassade projiziert wird. Entgeistert sieht sie einen Kinderwagen nach dem anderen an sich vorbeifahren – doch in keinem liegt das ersehnte Mädchen. Der Film bricht ab, dafür erstrahlen dann Kronleuchter auf der Bühne: Die Hofgesellschaft tritt auf und schwingt die Besen, um den Saal für das Tauffest vorzubereiten. Bei ihrer Choreografie verfuhr Anna Beke nicht so sehr nach der gerne zitierten Devise, „die Kinder dort abzuholen, wo sie stehen“. Sie versuchte vielmehr, „sie zu mir nach oben zu ziehen, damit sie den Boden des Gewohnten verlassen“. Gerade weil Tanz so viel Konzentration und Koordination verlange, finde sie die Entwicklung der Teilnehmer bewundernswert. „Sie besitzen jetzt ein Körperbewusstsein, das sie auch jenseits der Bühne selbstbewusst auftreten lässt.“ Womit der Bogen zu Roland Berger geschlagen wäre. Ihm kommt es bei seinen Kulturprojekten vor allem darauf an, „die Persönlichkeiten der Kinder heraus zu kitzeln“, ihnen ein Gefühl dafür zu vermitteln, „was alles in ihnen steckt“, wie er sagt. Oder, wie die elfjährige Cynthia aus Togo, Sechstklässlerin am Münchner Michaeli Gymnasium, es formuliert: „Früher hätte ich mich nicht auf die Bühne gewagt, heute traue ich mir das aber zu. Denn ich weiß, wenn ich mir ein Ziel setze, kann ich es auch erreichen.“

Barbara Hordych